Viennacontemporary

CONTEXT

Die 2024 initierte Sektion CONTEXT widmet sich künstlerischen Positionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, Künstler:innen aus der Region und internationale Stimmen zu verbinden und aufzuzeigen, wie die Gegenwartskunst aus einer spannenden jüngeren Vergangenheit hervorgeht.

In diesem Jahr hat Kuratorin Samantha Ozer den Rahmen der Sektion erweitert und CONTEXT im weiteren Sinne gedacht, mit zehn Präsentationen in Form von Solo- und Duo-Showings, sowie der Integration einiger zeitgenössischer Arbeiten, die ein generationenübergreifendes Netzwerk sichtbar machen.


Über eine Vielfalt von Medien – von Assemblage, formaler Skulptur, Zeichnung und Malerei und Stilen hinweg liegt eine gemeinsame Suche nach einer radikalen Auseinandersetzung mit der menschlichen Erfahrung zugrunde. Mit unterschiedlichen Ansätzen versuchen die Künstler:innen, neue Formen und sogar Portale zu schaffen, um abstrakte Empfindungen wie Isolation, Schmerz, Resilienz und Staunen darzustellen und Kunst als Medium des Experiments einzusetzen.

ÜBER DIE KURATORIN

Sam Ozer ist curator-at-large bei Canyon, Autorin und Gründerin von TONO, einer Non-Profit-Kunstorganisation mit Fokus auf zeitbasierter Kunst. TONO veranstaltet jährlich ein Festival in Museen und Musikspielstätten in Mexiko-Stadt und Puebla. Die Initiative hat bisher mit über fünfzig Künstler:innen sowie Institutionen wie den Serpentine Galleries, dem National Museum of Modern and Contemporary Art in Seoul, der National Gallery of Victoria in Melbourne, dem Pérez Art Museum Miami, der Biennale von Venedig, WIELS (Brüssel), Mudam (Luxemburg) und CAM Gulbenkian (Lissabon) zusammengearbeitet.

Ozer war die erste Videokuratorin sowohl für Feria Material als auch für ZⓈONAMACO in Mexiko-Stadt. Frühere Stationen ihrer kuratorischen Laufbahn umfassen das Poetic Justice Group am MIT Media Lab sowie das Museum of Modern Art (MoMA) und MoMA PS1 in New York.


KÜNSTLER:INNEN

Robert Bosisio I Rodler Gschwenter Gallery

Giovanni Castell & Antonello Viola I Alessandro Casciaro

Marko Djurdjevic & Leopold Strobl I galerie gugging nina katschnig

Roland Goeschl I zs art

Kurt Hüpfner I Galerie Dantendorfer

Rashid Al Khalifa I Mario Mauroner Contemporary Art

Mariusz Kruk I MOLSKI gallery

Hermann Nitsch I Galerie Zimmermann Kratochwill

Hubert Schmalix I Smolka Contemporary

André Verlon I Kunsthandel Hieke


Bosisios Malerei erkundet den poetischen Raum zwischen Realität und Imagination, getragen von weichem Licht und feinen Farbschichtungen. Im Wechselspiel von Abstraktion und Figuration verwandelt er einfache Motive in zeitlose, atmosphärische Werke voller Tiefe und Empfindung. Seine jüngsten Arbeiten zeigen ein stilles Auflösen der Form – Interieurs verblassen zu traumartigen Erinnerungen, Figuren verweilen in ätherischen Räumen. Die charakteristische Verbindung aus Renaissance-Sanftheit und zeitgenössischer Abstraktion verleiht seinen Bildern eine zeitlose Qualität, die von Präsenz, Erinnerung und spiritueller Resonanz spricht.

Robert Bosisio (*1963, Truden, IT) ist ein zeitgenössischer Maler, der für seine lichtdurchfluteten, atmosphärischen Werke zwischen Figuration und Abstraktion bekannt ist. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und zeigt in CONTEXT einen faszinierenden Überblick von frühen Arbeiten bis ins Jahr 2000, der seine künstlerische Entwicklung bis heute nachzeichnet. Im Herbst 2025 wird er gemeinsam mit Wim Wenders im Zhejiang Art Museum in Hangzhou, China, in einer großen Ausstellung präsentiert. Seine Werke waren weltweit in renommierten Ausstellungen zu sehen, darunter die Biennale von Venedig, der BP Portrait Award in der Londoner National Portrait Gallery, das Haus Wittgenstein in Wien, das Art Center Hugo Voeten in Belgien sowie Institutionen in New York, Tokio, Shenzhen und Cluj-Napoca. Charakteristisch sind sein feiner Pinselstrich, subtile Farbverschiebungen und eine meditative, zeitlose Qualität. Er lebt und arbeitet in Truden und Berlin.

Castells frühere Arbeiten waren stark von Objektivität und erzählerischen Elementen geprägt, während sein neuer Zyklus beinahe introspektiv wirkt. Seine Bezüge zu anderen Kunstströmungen, besonders zur Ikonografie und Farbigkeit des amerikanischen Abstrakten Expressionismus, machen die enge Verbindung sichtbar, die er zwischen seiner eigenen Imagination, seiner erlebten Realität und dem Erbe klassischer Malerei wahrnimmt. Sie sind zugleich eine Form der Verehrung und eine Regeneration seiner Arbeit. Inspiration schöpft Castell aus Momenten der Ruhe und Kontemplation – für ihn einem Traum vergleichbar. Vieles ist in unserem Unterbewusstsein gespeichert und tritt in solchen Momenten hervor. Die so entstehenden Bilder beziehen sich weniger auf konkrete Ereignisse oder Geschichten, sondern spiegeln Stimmungen, innere Empfindungen und kollektive Gedanken – angereichert mit allegorischen Symbolen.

Giovanni Castell (*1962, München, DE) verfolgt seit Langem eine Praxis, in der er digitale Manipulationen von Fotografien mit architektonischen Elementen oder virtuellen Räumen kombiniert. Sein Ziel ist nicht die Wiedergabe der Realität, sondern die Schaffung einer neuen Realität – eines individuellen Ortes oder einer Landschaft – in einer Technik, die stark an Malerei erinnert. Bekannt wurde Castell als Fotograf mit Porträts von Persönlichkeiten aus Unterhaltung, Sport und Mode. Seit den späten 1980er-Jahren arbeitet er als Künstler. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

Violas Arbeiten bestehen häufig aus mehreren Glasplatten, die nebeneinander oder überlappend angeordnet sind, meist im Querformat – der klassischen Form des Landschaftsbildes – und manchmal bis hin zum Panorama erweitert. Auf den Platten wechseln sich Öl, Kreide und Blattgold ab, wodurch greifbare und verfeinerte Flächen, opake und reflektierende Elemente, Transparenz und Dichte aufeinandertreffen. Das Ergebnis entfernt sich von der physischen Beschreibung der Inseln, die jedem Werk den Titel geben. Stattdessen entsteht eine vibrierende Atmosphäre aus Farbfeldern mit goldenen, blauen und türkisfarbenen Akzenten, die Horizonte und Luftbilder andeuten. Transparenz wird zum Bild für Erinnerung – wie bruchstückhafte Rückblenden fangen die Werke Himmel, Wasser, Licht, Sand und Gestein ein. Durch Schichten und Abtragen von Farbe macht Viola das Unsichtbare sichtbar und eröffnet so einen Dialog zwischen innerer Dimension und Umgebung, getragen von Materialität, Fluidität und chromatischer Fülle.

Antonello Viola (*1966, Rom, IT) studierte an der Accademia di Belle Arti in Rom bei Maestro Enzo Brunori. 1989 verbrachte er eine längere Studienzeit in Spanien, wo er an der Universidad de La Laguna promovierte. Seine Werke sind in Galerien, Museen und Institutionen im In- und Ausland ausgestellt. Seit 1996 lehrt er Dekorative Künste an der Accademia di Belle Arti in Bologna, seit 2021 Farbtechnologie an der Accademia di Belle Arti in Rom, wo er lebt und arbeitet.

Djurdjevics großformatige Malereien sind von einer tiefen emotionalen Intensität geprägt. Blau dominiert als zentrales Element – Sinnbild für Schönheit, Reflexion und innere Stärke. Auf nächtlichen Spaziergängen durch die Auen von Klosterneuburg hält er die besondere Atmosphäre im Mondlicht fest. In Light Blooms in the Shadow lösen sich dichte Baumformationen in Schichten von Blau und leuchtenden Akzenten auf, der Wald wird zu einem Raum stiller Introspektion. Die Natur verwandelt sich in einen Spiegel von Erinnerung, Emotion und Resilienz.

Marko Djurdjevic (*2001, Wien, AT) zeigte schon früh großes Interesse an Kunst und begann mit fünf Jahren zu malen. Er brachte sich später Malerei und Holzschnitttechniken autodidaktisch bei. Mit fast fünf Jahren kam er ins Kinderheim Klosterneuburg, wo er bis zu seinem 18. Lebensjahr lebte. Mit 16 begann er eine Ausbildung zum Grafikdesigner, die er erfolgreich abschloss. Seitdem arbeitet er selbstständig und kooperiert mit nationalen wie internationalen Galerien. 2022 erhielt er den Kulturförderpreis der Stadt Klosterneuburg. Die prägenden Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend sind zentral für sein Schaffen. Seine figurative Bildsprache ist von tiefer Emotionalität durchdrungen und greift Themen wie Liebe, Tod und Einsamkeit auf.

Strobls kleinformatige Arbeiten entfalten die Natur in ungewohnten Farbräumen. Mit Farbstiften überzieht er sorgfältig die gesamte Oberfläche gefundener Zeitungsbilder. Menschliche Figuren verschwinden oft unter einer amorphen schwarzen Form – fast so, als würden sie von ihr verschluckt, während Bäume und Landschaften hervortreten und der Himmel Strobls charakteristisches Grün erhält. Durch dieses Überlagern verändert sich nicht nur die visuelle Hierarchie, sondern auch die Wahrnehmung des Raums: Der Hintergrund wird zur Bühne, die Natur übernimmt die Hauptrolle. Was verdeckt oder ausgelöscht wird, öffnet ein Portal in eine andere Realität – eine stille, beinahe entrückte Welt jenseits des unmittelbar Sichtbaren.

Leopold Strobl (*1960, Mistelbach, AT) ist seit über fünfzehn Jahren Gast im atelier gugging. Die Vorlagen für seine kleinformatigen Zeichnungen, die wie magnetische Portale wirken, stammen aus lokalen Tages-, Wochen- und Kirchenzeitungen. Sobald er ein Motiv auswählt, arbeitet er zuerst an den schwarzen Flächen, danach wird der Himmel grün koloriert und abschließend die Umrandung betont. Für seine Arbeiten verwendet er Farbstifte in Schwarz, Hellgrün, drei Gelbtönen und selten Rot. Seine Werke sind in bedeutenden Sammlungen vertreten, darunter im MoMA (USA), in der Treger/Saint Silvestre Art Brut Collection (Portugal), in der abcd ART BRUT Collection (Frankreich) sowie in den Landessammlungen Niederösterreich. Zudem war der Künstler 2024 bei der 60. Biennale di Venezia vertreten. Er lebt und arbeitet in Poysdorf und Kritzendorf.

Foto: Anastasiia Yakovenko

Goeschl beschrieb seinen künstlerischen Ansatz mit dem Satz: „Farbe muss zum Material werden.“ Für ihn bedeutete Farbe in der Skulptur nicht das Übermalen eines Objekts, sondern den Aufbau einer kompositorischen Farbstruktur, die unmittelbar mit der Form verbunden ist. Entscheidend war für ihn nicht, eine Skulptur einfach farbig zu fassen, sondern eine Farbarchitektur zu schaffen, die in direktem Dialog mit der Form steht. Farbe ersetzte die Materialoberfläche und wurde zu ihrer repräsentativen Haut; Skulptur und Farbe bildeten eine Einheit, wenn sie in notwendiger Verbindung zueinander standen. Diese Verbindung konnte durch eine kompositorische Farbstruktur entstehen, die als Intervention – manchmal auch als Störung – in die skulpturale Form eingriff.
Goeschl verstand die Skulptur als Trägerin von Farbe, wobei die kompositorische Gliederung der Oberflächen das Potenzial für Farbanwendung bot. Für ihn lag die räumliche Wirkung sowohl in der Malerei als auch in der Skulptur in einer klaren Struktur von Form und Farbe. Die Oberfläche wurde zum Repräsentationsmittel und Bewegungsraum für Farbformen, in dem durch das Schichten geometrischer Elemente Eindringen und Hervortreten möglich wurden. Diese räumlichen Transformationen vollzogen sich in der Wahrnehmung des Betrachters und setzten aufmerksame Beobachtung voraus – eine aktive Anpassung des Blicks, um die strukturelle Logik von Bild und Skulptur zu erkennen und zu verstehen. Für Goeschl war dies eine wesentliche Verbindung zum Objekt.

Roland Goeschl (*1932, Salzburg, AT; †2016, Wien, AT) studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Fritz Wotruba und war später dessen Assistent. Internationale Aufenthalte und Ausstellungen prägten seine Karriere, darunter die documenta III und IV (Kassel), die 34. Biennale von Venedig (Österreichischer Pavillon) sowie die EXPO 67 in Montreal. Von 1972 bis 2000 war er Professor und Leiter des Instituts für Zeichnen und Malen an der Technischen Universität Wien. Goeschl lebte und arbeitete in Wien.

Hüpfners Skulptur wurde aus einem rechteckigen Gipsblock herausgearbeitet, was in der kantigen Form der Figur noch erkennbar ist. Hiob ist sitzend dargestellt, wie er sich kratzt.
Im Zentrum unserer Präsentation auf der viennacontemporary unter dem Titel Resilience steht die Figur des Hiob, dessen uralte Geschichte von Leid, Ausdauer und spiritueller Konfrontation bis heute eindringlich nachhallt. In der biblischen Erzählung erleidet Hiob tiefgreifende persönliche Verluste und körperliche Qualen, begegnet seinem Schicksal jedoch mit einer beklemmenden Mischung aus Verzweiflung, Aufbegehren und Glauben. Seine unerschütterliche Suche nach Sinn im Angesicht der Zerstörung verkörpert das Wesen von Resilienz – nicht als stilles Ertragen, sondern als zutiefst menschliche, fragende Stärke.

Kurt Hüpfner (*1930, Wien, AT; †2022, Wien, AT) wuchs im kriegsgeprägten Wien auf und absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Grafiker, wandte sich jedoch aufgrund seiner Abneigung gegen Typografie von der kommerziellen Arbeit ab. Früh beeinflusst von französischen Modernisten wie Matisse und Braque und später von Strömungen wie Dada und Pop Art, entwickelte Hüpfner eine unverwechselbare künstlerische Sprache mit post-surrealistischen und neo-dadaistischen Tendenzen. Seine Assemblagen und Zeichnungen – oft humorvoll und experimentell – schöpften aus Literatur, Philosophie und persönlicher Reflexion. Tief inspiriert von Constantin Brâncuși, beschäftigte er sich auch mit Skulptur und nutzte unkonventionelle Materialien wie Treibholz, Draht oder Kunststoff. Das Zeichnen blieb zeitlebens zentral für sein Schaffen, sowohl als meditative Praxis als auch als Grundlage seiner Skulpturen und Malerei. Ab den 1980er-Jahren entstanden zahlreiche Terrakotta- und Gipsminiaturen, die er oft zu erzählerischen Assemblagen zusammenführte. Seine lebenslange Erforschung von Form, Volumen und dem Zusammenspiel von Objekt und Bild setzte er bis zuletzt in seinem Wiener Atelier fort, wo er Tausende von Zeichnungen schuf, einige von ihnen entwickelten sich zu comicartigen Bildgeschichten.

Al Khalifas Shades of White stellt die Farbe des Lichts, der Klarheit und der Ordnung – die Farbe Weiß – ins Zentrum der Präsentation. Diese Farbe ist so vielfältig, dass die Inuit, umgeben von ewigem Weiß, mehr als 200 verschiedene Begriffe dafür kennen. Die Ausstellung lädt dazu ein, Stille zu entdecken, gemeinsam mit dem Künstler über den Kreis zu meditieren – Symbol des Ewigen, des Göttlichen, ohne Anfang und Ende – im Kontrast zum Quadrat, das für Materie und vom Menschen geschaffene Ordnung steht. Diese Gegensätze aufzulösen und zu vereinen, ist eine Metapher für eine unmögliche Aufgabe: „Squaring the Circle“, oder zumindest der Versuch, Annäherungen und Berührungspunkte zu finden – nicht nur in der Geometrie, sondern auch in den verbindenden Elementen zwischen Kulturen.

Rashid Al Khalifa (*1952, Riffa, BHR) ist eine prägende Figur der zeitgenössischen Kunstszene im Golf und spielte eine bedeutende Rolle bei der Einführung moderner Kunst in Bahrain und im weiteren Nahen Osten. Sein Werk erforscht das Zusammenspiel von Licht, Raum und Form. Mit Materialien wie Aluminium und Stahl schafft er dynamische, gewölbte Oberflächen, die traditionelle Vorstellungen von Malerei und Skulptur herausfordern. Ausstellungen seiner Arbeiten fanden unter anderem 2019 auf der Moskauer Biennale im Neuen Tretjakow-Museum in Moskau, 2017 im Rahmen des Bridges, Grenada Pavilion auf der 57. Biennale von Venedig sowie auf der 3. Mittelmeer-Biennale im Sakhnin Valley, Israel, statt. Zuletzt waren seine Werke 2022 im Liechtensteinischen Landesmuseum Vaduz, 2024 im Heydar Aliyev Center in Baku, Aserbaidschan, sowie im Museum of Modern Art in Tiflis, Georgien, zu sehen.

Kruks Werk bringt ästhetische Kategorien wie Schönheit und Hässlichkeit in einen wechselnden Rhythmus von Anwesenheit und Verschwinden, von Offenbarung und Verhüllung. Die Schönheit, die in der Materie liegt, offenbart sich durch Form, Textur und Gestalt. Sie kann in einem weggeworfenen Stück Aluminium, einem Holzfragment oder in ein paar bunten Perlen aus einer Schublade zum Vorschein kommen.
Indem wir jedem vorgefundenen Objekt Kategorien und Wertungen zuschreiben, trivialisieren und vereinfachen wir seine Existenz radikal. Aus dieser Perspektive erscheint es sinnlos, Schönheit ausschließlich in Bezug auf sich selbst zu analysieren – daher die Entscheidung, einzelnen Arbeiten keine Titel zu geben. Kruk versucht, die Wahrnehmung des Betrachters von einem Objekt so weit wie möglich zu objektivieren. Indem er die Einfachheit seiner Präsenz hervorhebt, verleiht er ihm das Recht, auf mehreren Bedeutungsebenen zu existieren. Das Erhabene, nach dem er sucht, liegt genau in dieser Einfachheit – sie ist es, die uns dem Verständnis des reinen Seins näherbringt. Indem er sich von einer Deutung der Realität als ein Set von Formen mit festgelegten Werten und Kontexten löst, schafft er Raum für einen „reinen“ Blick, frei von vorgegebenen Rahmen und Erwartungen.

Mariusz Kruk (*1952, Poznań, PL) studierte von 1978 bis 1982 Malerei an der Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste in Poznań bei Professor Jerzy Kałucki. 1983 gründete er die Gruppe Koło Klipsa, die bis 1987 aktiv war. Sein Werk bildet eine Grundlage für die Entwicklung der polnischen Kunst in den 1980er-Jahren. 1992 vertrat er Polen auf der documenta IX in Kassel. Seine Kunst konzentriert sich auf das Erfassen von Momenten, die zwischen Mikro- und Makrowelt schweben und verwendet dabei Objekte, die in traditionellen Kunstdiskursen oft übersehen werden – etwa Karton, Reifen oder Schnur. Neben seinen fantastischen und lyrischen Installationen arbeitet Kruk auch in Zeichnung, Malerei und Poesie.

Nitsch war der entscheidende Mitbegründer des Wiener Aktionismus und gilt als einer der vielseitigsten zeitgenössischen Künstler. Er arbeitete als Aktionskünstler, Maler, Grafiker, Komponist und Bühnenbildner. Sein zentrales Werk, das Orgien Mysterien Theater, vereint alle Ausdrucksformen und fordert den Einsatz sämtlicher Sinne. Es ist eine radikale Auseinandersetzung mit Leben, Tod und Transzendenz – oft durch schockierende Elemente wie Fleisch und Blut – mit dem Ziel, zu einer tieferen Bejahung des Lebens zu führen. Seine Performances, die sich auf sinnliche Erfahrung und Provokation konzentrierten, wurden ab den späten 1960er-Jahren zunehmend extremer und fanden internationale Beachtung.

Hermann Nitsch (*1938, Wien, AT; †2022, Mistelbach, AT) absolvierte die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und arbeitete zunächst als Gebrauchsgrafiker, bevor er sich der informellen Malerei und Aktionskunst zuwandte. 1971 erwarb er Schloss Prinzendorf, das zum Zentrum seiner großangelegten Aktionen wurde. Von 1988 bis 2001 lehrte er interdisziplinäre Kunst an der Städelschule in Frankfurt. Seine Werke waren international zu sehen, darunter in der Sammlung Essl, im Martin-Gropius-Bau und in der Albertina und befinden sich in Museen weltweit, etwa in Mistelbach, Neapel und Wien. Nitsch lebte mit seiner Frau Rita auf Schloss Prinzendorf und in Asolo, Italien, bevor er am 18. April 2022 im Alter von 83 Jahren verstarb.

Photo: kunst-dokumentation

 

Schmalix war ein österreichischer Maler, bekannt für seine leuchtenden Landschaften, Akte, Blumenstillleben, Stadtansichten und wiederkehrenden Motive wie Berge, Hütten, Wasserfälle, Bäche, Treibholz, Steine und Bäume. Seine Werke zeigen jedoch keine realen amerikanischen oder österreichischen Landschaften, sondern Idealisierungen – gemalte Idyllen, in denen alles in Fläche und Kontur aufgeht, nicht in lokaler Farbigkeit, flach und ohne Dreidimensionalität. Motive kehren vielfach wieder, in veränderten Farben oder leicht abgewandelten Formen. „Sie existieren nur teilweise in der Realität und bleiben Phantasmagorien“, schrieb Günther Holler-Schuster, Kurator an der Neuen Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum. Schmalix, der in den 1980er-Jahren in Wien als Teil der Bewegung der „Neuen Wilden“ mit expressiv-gestischem Stil begann, entwickelte nach Aufenthalten auf den Philippinen und später in Los Angeles eine kontemplative, reduzierte Formensprache. In seinen späteren Jahren traten Figuren und Selbstporträts stärker in den Vordergrund, Ausdruck seiner Selbstreflexion und einer Chronik seiner persönlichen Entwicklung. Dabei ging es ihm weniger um Narration als um die Malerei selbst – die Schaffung eines Arkadiens, „das weder der Jugendstil noch Walt Disney kühner hätten verwirklichen können.“

Hubert Schmalix (*1952, Graz, AT; †2025, Los Angeles, US) studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien und war Gastprofessor an der UCLA in Los Angeles (1992–2005) sowie Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien (1999–2006). 2022 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Er lebte und arbeitete in Los Angeles und Wien.

Photo: kunst-dokumentation.com

 

Verlon war ein Weltbürger, der mit seinen philosophischen und moralischen Werken eine einzigartige Position in der politischen Kunst der Nachkriegszeit einnahm. Bereits zu Lebzeiten international gefeiert, zeigen seine Gemälde die Menschheit im Spannungsfeld zwischen Technik, Metropole und Krieg – aber auch Hoffnung und Optimismus. Von Paris über Jerusalem bis Zürich und Wien fand er Inspiration für sein Schaffen. La situation humaine begleitete ihn sowohl in seiner literarischen als auch in seiner künstlerischen Arbeit.
Im Austausch mit Dadaisten wie Jean Arp, Raoul Hausmann, Marcel Janco und Richard Hülsenbeck und getrieben vom Bedürfnis nach einer neuen Ausdrucksform, entwickelte er die Technik der Montage-Malerei, eine Verbindung von Öl und Collage. Inspiriert von den Collagen Umberto Boccionis, Kasimir Malewitschs, der Kubisten und John Heartfields, tragen seine politischen Bilder explosiven Inhalt in dynamisch-experimentellen Kompositionen.

André Verlon (*1917, Wien, AT; †1994, Zürich, CH) studierte in Wien und arbeitete später in ganz Europa und im Nahen Osten. 1961 war er in der bahnbrechenden Ausstellung The Art of Assemblage im Museum of Modern Art, New York, vertreten, gemeinsam mit Werken von Marcel Duchamp, Max Ernst und Meret Oppenheim. Es folgten über 60 Einzelausstellungen in Europa und den USA. Ankäufe durch das MoMA, die Tate Gallery, das Musée National d’Art Moderne und die Österreichische Galerie Belvedere belegen die hohe Anerkennung, die er schon zu Lebzeiten erfuhr. Verlon lebte und arbeitete in Paris, Jerusalem, Zürich und Wien.