viennacontemporary

Explorations

EXPLORATIONS
Kuratiert von Elisa R. Linn & Lennart Wolff

Die Sektion Explorations zeigt innerhalb pointierter Werkpräsentationen ausgewählte KünstlerInnen mit Arbeiten, die zwischen 1945 und 1980 entstanden sind. Die Sektion bringt künstlerische Positionen zusammen, für die eine Auseinandersetzung mit formaler Abstraktion und die Aneignung technischer Bildproduktion ein zentrales Anliegen war und ist.

In der von ideologischen Wettläufen und Beschleunigung geprägten Nachkriegsrealität arbeiteten diese oft in Opposition zu den staatlichen Kulturdoktrinen ihrer jeweiligen Heimatländer, wie etwa im Falle des Malers Diet Sayler oder der Künstlerin Wanda Czełkowska, die Figuration in ihren büstenartigen Skulpturen neu verhandelte. Dem vorherrschenden Realismus durch die Hinwendung zu geometrischen Formen, zu Wiederholung und Reduktion entgegenzuwirken – wie etwa bei Tamás Konok – stellt dabei keinen Versuch des Rückzugs aus den damaligen politischen und wirtschaftlichen Realitäten dar – ebensowenig wie die sich zwischen Pop- und Op-Art bewegenden Arbeiten von Milena Usenik oder die „Subjektive Fotografie” der Gruppe fotoform.Vielmehr war dies eine Möglichkeit, an das Vermächtnis der Vorkriegsavantgarden anzuknüpfen.

Sanja Ivekovićund André Verlon aktualisieren in ihren Arbeiten Einflüsse des Konstruktivismus, um den Repräsentationsdogmen und Abstraktionen des modernen Lebens etwas entgegenzusetzen. Durch Methoden der Aneignung und Subversion schuf das Kollektiv Laibach Kunst eine „Monumental Retro-Avant-Garde” und der Künstler/Kurator Tadej Pogačar den „New Parasitism”, welcher die Institutionen der Kunst und des Nationalstaates unterwandert. Diese Praktiken, darunter auch das algorithmisch inspirierte Werk von Vera Molnár oder die Malereien von Eva Bodnar, bleiben heute in einer zunehmend „konkret-abstrakten Welt”, in der das formale Vokabular der Abstraktion längst zur operativen Währung einer immateriellen Ökonomie und des Denkens avanciert ist, relevanter denn je.

Éva Bodnár, fotoform | Edition Roland Angst | B22
Wanda Czełkowska | Galerie Thaddaeus Ropac | C18
Sanja Iveković, Laibach Kunst, Tadej Pogačar, Milena Usenik | P74 Gallery, Ljubljana | ​B20
Tamás Konok​ | Ani Molnár Gallery, Budapest | C19
Vera Molnar | Vintage Gallery | C23
Diet Sayler | 418 Gallery | B24
André Verlon| Hieke Kunsthandel | C21

 

KuratorInnen

Die Kuratorin und Autorin Elisa R. Linn lebt in Berlin und New York, wo sie das Whitney ISP besuchte und u. a. mit dem Whitney Museum und The Kitchen arbeitete. Lennart Wolff ist Architekt und Kurator.

Gemeinsam kuratierten sie als Kollektiv km temporaer Projekte für Institutionen und Galerien wie Bronx Museum (2018), South London Gallery (2018), Galerie Francesca Pia (2019), und Museo Nivola (2019-2020).

 

Galerien

Éva Bodnár, fotoform I Edition Roland Angst I B22

Bei unserer ersten Teilnahme an der viennacontemporary zeigen wir Beispiele aus den beiden Schwerpunkten unseres Programms: Zeichnungen der ungarisch-österreichischen Künstlerin Eva Bodnar aus den Jahren zwischen 1980 und 1999 und Fotografien der Gruppe fotoform aus den 50er bis 90er Jahren (u.a. Arbeiten von Kilian Breier, Peter Keetman, Otto Steinert und Ludwig Windstosser).

 

Wanda Czełkowska, Galerie Thaddaeus Ropac |

Wanda Czelkowska schuf ihre ersten Arbeiten im kommunistischen Polen der 1950er Jahre, als Studentin in Krakau in den letzten Tagen des Stalinismus. Sie begann ihre Karriere mit der Zusammenarbeit mit dem renommierten modernistischen Bildhauer Xawery Dunikowski bei monumentalen sozialistischen Skulpturaufträgen, rebellierte aber gegen die Strenge der sozialistischen Ästhetik. Ihre frühen skulpturalen “Heads” zeigen den Einfluss des Neo-Primitivismus und tauchen in ihrem gesamten Oeuvre wieder auf, manchmal abstrahiert, dekonstruiert, halbiert oder verschleiert. Auf die Frage, ob sie männlich oder weiblich seien, antwortete Czelkowska: “Meine Köpfe sind ein drittes Geschlecht.”

 

Sanja Iveković, Laibach Kunst, Tadej Pogačar, Milena Usenik I P74 Gallery, Ljubljana I B20

P74 Gallery ist stolz, einen Dialog von vier innovativen zeitgenössischen KünstlerInnen und Schlüsselfiguren der Generationen der 70er, 80er und 90er Jahre präsentieren zu können. Sie alle beschäftigen sich mit komplexen Thematiken von sozialen und politischen Beziehungen. Laibach Kunst verwendet Strategien der Retro Avantgarde in medienübergreifenden Projekten. Milena Usenik ist eine der führenden Vertreterinnen von Pop- und Op-Art und Tadej Pogačar ist der Entwickler des sogenannten „New Parasitism”und untersucht die Verhältnisse von Individualität und sozialen Systemen. Sanja Iveković ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen bildenden KünstlerInnen. Ihre Generation, die der 70er Jahre in Jugoslawien, stellte die Rolle der Kunst in der Gesellschaft in Frage, eroberte die Strassen mit Performances und verwendete billige, leicht verfügbare Materialien. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Themenbereichen wie weiblicher Identität, Medien, Konsumismus und Politik.

 

Tamás Konok I Ani Molnár Gallery, Budapest I C19

Tamás Konok feiert dieses Jahr seinen 90. Geburtstag. Die Präsentation der Ani Molnar Gallery auf der viennacontemporary stellt die Wichtigkeit des Oeuvres dieses Künstlers unter Beweis. Die spezielle Auswahl von Arbeiten aus den 60er, 70er und 80er Jahren versucht, die frühen Perioden seines starken Lebenswerks ebenso zu präsentieren wie spätere. Die Ausstellung konzentriert sich auf die Charakteristika seiner Malerei, die ihn einzigartig unter den geometrisch-abstrakten Künstlern und auf den ersten Blick erkennbar machen. In Konoks früher Schaffensperiode stellen seine Malereien, Monotypien und Collagen Treffpunkte der Realität und Irrealität der Welt dar. Seine realistische Malweise kontrastierend, ist er an einer Darstellung von Transparenz interessiert; Collage-Elemente und Linienzeichnungen werden in Kompositionen mehrerer übereinanderliegender Schichten präsentiert. Zu dieser Zeit hatte Konok Ungarn bereits Richtung Paris verlassen, und wurde stark beeinflusst vom Erbe des Modernismus, abstrakter Malerei und sogar vom Surrealismus. Er war sich dennoch stets der Tradition ungarischer geometrischer Abstraktion und surrealer Komposition bewusst, die in der Nachkriegszeit in Ungarn eine spezielle Ausprägung erfuhr. Die frühe Werkphase Konoks ist zudem gekennzeichnet von der Kombination konstruktivistischer Malerei-Strukturen und nicht-realistischer Figuration und beeinflusst von der sogenannten European School, einer ungarischen Künstlergruppe, die auch viele andere KünstlerInnen Ungarns prägte.

 

Vera MolnarI Vintage Gallery I C23

Vera Molnar, die seit 1947 in Frankreich lebt, ist eine Pionierin der Computerkunst. Nach ihrem Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste in Budapest, wo sie unter anderem Judit Reigl und Simon Hantai kennenlernte, emigrierte Molnar nach Paris. 1959 begann sie damit, kombinatorische Bilder zu machen und Modelle mathematischer Muster mittels einer Methode, die sie „machine imaginaire” nannte, zu erstellen. 1968 erhielt sie die Gelegenheit, diesen imaginierten Computer gegen eine „machine réelle” einzutauschen und mit einem realen Computer zu arbeiten. In einem Pariser Forschungslabor lernte sie die frühen Programmiersprachen Fortran und Basic und begann, Computergrafiken zu machen, die sie auf einem Plotter ausdruckte. Seit dieser Zeit beschäftigt sie sich mit algorithmischen Serien, die auf einfachen geometrischen Formen und Sujets beruhen. Der computergenerierte algorithmische Zufall spielt in ihrer Arbeit ebenso eine Rolle wie die Begriffe Ordnung und Unordnung, Struktur und Freiheit.

 

Diet SaylerI 418 Gallery I B24

Diet Sayler,1939 in Rumänien geboren, ist ein prominenter Vertreter des europäischen Minimalismus und der Konzeptkunst. Er wurde in Timisoara in Rumänien geboren und emigrierte 1972 nach Deutschland, wo er bis heute lebt. Seit seinen Anfängen im Rumänien der 60er Jahre entwickelt Sayler seine minimalistische Malerei konstant weiter. Er erweiterte sein künstlerisches Spektrum dadurch, dass er auch experimentelle Texte schreibt und somit Maler, Autor, Kurator, Installationskünstler und Fotograf ist, wobei all diese Bereiche durch einen konzeptuellen roten Faden miteinander verbunden sind. Die 70er Jahre waren der Höhepunkt seiner konzeptuellen Überlegungen. In der Sektion Explorations zeigen wir eine Auswahlen an schwarz-weißen Malereien, Collagen und Fotografien von Installationen im öffentlichen Raum. Diet Saylers klare und ausbalancierte Sprache offenbart uns Form als Raum, Raum als Musik, Musik als Mathematik und Mathematik als Poesie. Sayler verwendet den Zufall als Methode. Diese Zufälligkeiten stellen Komposition und Konstruktion in Frage oder negieren sie sogar und erzeugen instabile, sich wiederholende Muster.

Die Kunst Diet Saylers ist von höchster Bedeutung im Kontext der Migration und der Entwicklung und Veränderung von Ideen und Prinzipien in verschiedenen Werkperioden. Sein konstanter Diskurs und sein beständiges Oeuvre, eine Vielzahl an Publikationen und öffentlichen Auftritten, sowie seine osteuropäische Herkunft und seine Verbundenheit mit Deutschland machen diesen Künstler zu einer starken und namhaften Persönlichkeit der Kunst des 20. Jahrhunderts.

 

André VerlonI Hieke Kunsthandel I C21
„VORWÄRTS ZU HUMANITÄT UND FRIEDEN“ forderte Verlon bereits in den 60er Jahren – nach wie vor ein Thema höchster Aktualität.

Verlon nimmt als Weltenbürger mit seinen philosophisch-moralischen/politischen Werken einen eigenen Platz in der Kunstgeschichte ein. Zu Lebzeiten weltweit gewürdigt, bieten seine Bilder eine zeitlose Veranschaulichung des Menschen im Zwiespalt zwischen Technik, Großstadt und Krieg, aber auch Hoffnung und Zuversicht. Von Paris, Jerusalem, Zürich und Wien ließ sich Verlon zu seinen Werken inspirieren. Vor allem durch seine Auseinandersetzung mit dem Dadaismus, Kontakten mit Jean Arp, Raoul Hausmann, Marcel Janko und Richard Hülsenbeck, und die empfundene Notwendigkeit einer neuen Ausdrucksform in der Kunst, entwickelte er die einzigartige Technik des „Montage-Painting”.