viennacontemporary

Nadikhuno muzeumos / Das unsichtbare Museum 2018

Kuratoren: Judit Angel, Oto Hudec
A02 / B01

Im Mittelpunkt des von tranzit.sk organisierten und vom Künstler Oto Hudec initiierten Projekts Nadikhuno muzeumos / Das unsichtbare Museum stehen Hudecs Vision eines Museums der Kultur der Roma sowie Arbeiten von Robert Gabris, Daniela Krajčová, Emília Rigová und Marcela Hadová gemeinsam mit Marka romňakero gendalos, die sich mit der Geschichte der Roma, ihrer kulturellen Repräsentation und der Problematik gängiger Stereotype auseinandersetzen. In verdichteter Form zielen diese Werke darauf ab, den Blick auf die Geschichte, Kultur und zeitgenössische Kunst der Roma zu erweitern.

Auch wenn die Idee, ein Museum der Kultur der Roma zu schaffen, als Reaktion auf das institutionelle System und die gesellschaftspolitischen Bedingungen, unter denen die Roma heute in der Slowakei leben, entstand, ist seine Relevanz weitreichender. Ein solches Museum könnte bei der kulturellen Vereinigung und Emanzipation der Roma durch die Präsentation ihrer Geschichte, Traditionen und Werte eine wichtige Rolle spielen. Es würde die Roma mit Stolz erfüllen, der Mehrheitsgesellschaft etwas von Wert zu geben, und diese darin zu bestärken, die Kultur der Roma als gleichwertig und lohnend anzuerkennen. Wenn Selbstverständnis eine Voraussetzung für Emanzipation ist, so sind auch die Sichtbarkeit der Kultur und zeitgenössischen Kunst der Roma innerhalb des institutionellen Systems und ihre Gleichwertigkeit mit der Mehrheitskultur und -kunst ebenso wichtige Faktoren. Das ist ohne einen kontinuierlichen Dialog zwischen Roma und Nicht-Roma, Basisorganisationen und staatlichen, lokalen, regionalen und transnationalen Initiativen nicht möglich.

Am Beispiel der in der Ausstellung gezeigten Installation von Oto Hudec wird offenkundig, dass seine Auffassung eines Museums der Kultur der Roma auf dialogischen Grundsätzen basiert. Es ist dies eine offene Vision für ein alternatives Museum, das mehr als die herkömmliche ethnografische Sicht anzubieten hätteund den Schwerpunkt stattdessen auf die zeitgenössische Kultur der Roma, ihre gegenwärtige soziale und politische Situation sowie ihre Geschichte legen würde. Diese Vision basiert auf Feldforschung, Diskussionen mit Roma-Expertenund Kulturschaffenden sowie kreativen Workshops mit jungen Menschen aus der Ostslowakei.

In ihren Video- und Fotoarbeiten setzt sich Emília Rigová mit stereotypen Darstellungen von Roma-Frauen auseinander. Sie stilisiert sich selbst zum romantisierenden Ideal einer traditionellen Romni, mit dem Ziel dieses Ideal zu dekonstruieren, und präsentiert sich als schwarze Madonna, um die Willkür der Kategorisierung aufgrund der eigenen Hautfarbe aufzuzeigen.

Die tätowierten Körper von Robert Gabris’ Kupferstichen richten sich an eine Gesellschaft, die, anstatt soziale Probleme zu lösen, unerwünschte Personen wegsperrt. Der Künstler präsentiert außerdem zwei komplementäre Zeichnungen: Während sich die eine in ihrer Bildsprache eines handschriftlichen Textes bedient, um die durch die Teilhabe an einem gleichgültigen Bildungssystem entstandenen Traumata zu thematisieren, zelebriert die andere die Freude an der Bewegung und Begegnung, wobei die Fliegen das Zusammengehörigkeitsgefühl der Roma symbolisieren.

Die Malerin Marcela Hadová leitet Marka romňakero gendaloseinen Roma-Frauenverein im Dorf Rankovce (Ostslowakei). Hier entstehen von Frauen geschaffene Wandmalereien und Bilder. Ziel des Vereins ist es, die Frauen der Roma-Gemeinschaft miteinander zu vernetzen und sie zur Eigenständigkeit zu ermutigen. Die Ausstellung präsentiert eine Fotodokumentation einer ihrer im öffentlichen Raum entstandenen Wandmalereien.

Eine weitere Ebene der Ausstellung bildet das seit 2014 von Daniela Krajčová und Oto Hudec umgesetzte Gemeinschaftsprojekt Karavan. Formal entspricht das Projekt einem mobilen Workshop, im Zuge dessen die Künstler marginalisierte Gemeinschaften in verschiedenen Regionen der Slowakei besuchen und multidisziplinäre Aktivitäten für Kinder und junge Menschen organisieren. Durch kreatives Schaffen sollen die gegenseitige Verständigung und Auseinandersetzung, die gemeinsame Kreativität und die Präsentation ihrer eigenen Geschichten und Erfahrungen zur Stärkung ihrer Position gefördert werden.

Das unsichtbare Museum ist ein unvollendetes Projekt, eine Collage unbeendeter Reflexionen, die überarbeitet und weiter diskutiert werden wollen. Um einen echten Wandel zu bewirken, bedarf es einer Veränderung des gesellschaftlichen Systems. Was auf künstlerischer und kultureller Ebene erreicht werden kann, ist, den Glauben daran zu stärken, dass dieser Wandel stattfinden wird.

 

Ein von tranzit.sk organisiertes Projekt in Kooperation mit der ERSTE Stiftung anlässlich der viennacontemporary 2018.

Die erste Ausgabe dieser Ausstellung wurde im Rahmen des Projekts Collecting, Curating and Presenting Roma Culture von November 2017 bis Jänner 2018 bei tranzit.sk in Bratislava in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Bratislava und dem Kollektiv Spolka präsentiert.

Wir danken der Galerie Futura, tranzit.at, der Gandy Galerie, dem Internationalen Visegrád-Fonds, Združenie PRE LEPŠÍ ŽIVOT Kecerovce – Rankovce, dem Museum der Kultur der Roma in der Slowakei in Martin, dem Dokumentations- und Informationszentrum für Roma-Kultur in Prešov und dem Museum für Roma-Kultur in Brünn für ihre Kooperation und Unterstützung. Unser Dank gilt auch all jenen, die mit ihren Interviews und ihrer Mithilfe an diesem Projekt mitgewirkt haben.

 

Die ERSTE Stiftung ist der Hauptpartner von tranzit.

  


Oto Hudec, Nadikhuno muzeumos / Invisible Museum
2017, Mixed Media, variable dimensions, courtesy of tranzit.sk, Adam Šakový


Oto Hudec & Daniela Krajčová, Projekt Karavan
2014–2018, mixed media, variable dimensions, courtesy of tranzit.sk, Adam Šakový


Robert Gabris, If u are scared, don’t enter the forest!
2017, drawing, 100 x 100 cm, courtesy of Robert Gabris


Emília Rigová, A Self-Portrait
2017, Photography, 130 x 100 cm, courtesy of Emília Rigová, Robert Gabris


Marcela Hadová together with the Marka romňakero gendalos, Flowers
2015, painting, variable dimensions, courtesy of tranzit.sk, Sándor Bartha